Zwischen Angst und Verantwortung

Ein Gastbeitrag von Dr. Martin Aigner (live aus Ifakara)

Als ich vor neun Jahren zum ersten Mal nach Ifakara gekommen bin, war das Thema HIV/Aids noch weitgehend tabuisiert. Das hat sich geändert. Wir hören immer häufiger von den Konsequenzen, wenn eine Infektion diagnostiziert wird, von der Ausgrenzung, der Armut, der Einsamkeit und der Angst, ob es überhaupt eine Zukunft gibt und wie man diese bewältigen kann.

 

Wie sehr das Thema HIV die Jugendlichen heute beschäftigt, dürfen wir bei einem Treffen mit Schülern der Kilombero Secondary School erleben. Die rund 50 14- bis 18jährigen zeigen sich sehr interessiert und aufgeschlossen, als sie erfahren, worüber wir heute gerne mit ihnen reden und uns austauschen möchten. Freudig überrascht stellen wir fest, dass diese jungen Menschen über die Ansteckung mit dem HI-Virus und die Folgen auf das Immunsystem bereits so Einiges wissen, sie bemerken aber eindringlich, dass sie eine große Gefahr für die Ausbreitung von HIV in der mangelnden Aufklärung und Information sehen.

Ein Aufruf und Auftrag, über das Thema HIV/AIDS vor allem auch mit der Generation, die die Zukunft des Landes ist, aufgeschlossener und offener zu sprechen! Sie noch gezielter und flächendeckender zu informieren und sie aufzuklären!

Wir merken, Bedarf dafür ist da!

Dieses Thema beschäftigt sie so sehr, dass sich an dieser Schule einige SchülerInnen zu einer Ethikgruppe zusammengeschlossen haben, um HIV und andere soziale Themen zu diskutieren und die Informationen  an MitschülerInnen und andere Jugendliche in Ifakara weiter zu geben und sie dafür zu sensibilisieren.  Initiativen, wie diese, die sich aus der Bevölkerung heraus entwickeln sind die nachhaltigsten und wohl auch besonders unterstützenswert, und so geben uns die SchülerInnen neue Ideen für Projekte mit.

Und so wundert es auch nicht, dass viele Mädchen und Jungen offen und ohne Scham gezielt Fragen zum Thema Ansteckungsprävention und Sicherheit und auch zum Thema Verhütung stellen… Familienplanung  beschäftigt auch hier die jungen Menschen. Und natürlich auch heute Erheiterung und leicht beschämtes Gelächter unter den Jugendlichen (wie wir das ja ebenso bei Jugendlichen in Europa kennen) als auch der Gebrauch von Kondomen thematisiert wird… und gleichzeitig erkennbar Erleichterung unter ihnen, dies anzusprechen und über die korrekte Anwendung zu reden. Kondome zu benützen sollte in einem Land mit so hoher HIV-Rate zum Schutz vor Ansteckung und Weiterverbreitung zur Selbstverständlichkeit werden… niemand sollte ihren Einsatz in Frage stellen oder gar verbieten.

Diese Erfahrung heute macht uns Mut, weiter zu machen mit unserer Unterstützung und gerade solch junge Menschen, die aktiv werden, die sich Gedanken machen über ihre Gesundheit und ihre Zukunft und auch über ihre Verantwortung ihren PartnerInnen gegenüber.

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Teil der Ethikgruppe der Kilombero Secundary School

 

Das Thema HIV/AIDS beschäftigt. Immer wieder werden wir von Bekannten und ProjektteilnehmerInnen auf Leute, die das Schicksal ganz besonders hart getroffen hat aufmerksam gemacht.

So auch auf Zena, eine 54jährige Frau, die inzwischen alleine am Dorfrand in einer einfachen Hütte lebt. Ihre HIV- Infektion wurde 2004 festgestellt. Auf unsere Frage, wie es ihr derzeit geht, sie sich fühlt, antwortet sie, dass das Virus derzeit „schläft“ und es ihr deshalb einigermaßen gut geht. Zena hat verstanden wie wichtig es ist, die Medikamente regelmäßig und dauerhaft zu nehmen, um nicht an AIDS zu erkranken, aber die Infektion hat dennoch ihr Leben sehr verändert.

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Ihren kärglichen Lebensunterhalt bestreitet sie mit ihrer Hühnerhaltung (3 Hühner mit Küken ) und indem sie sporadisch Gemüse oder Fisch am Markt verkauft. Aber Zena hat nicht resigniert und kämpft, macht sich Gedanken über die Zukunft. Auf unsere Frage, wie sie denn denkt, dass man ihr am schnellsten helfen kann, äußert sie bescheiden die Bitte, sie zu unterstützen, ein paar weitere Hühner zu kaufen. Ihre Hoffnung ist, dass sie dann regelmäßig mehr Eier und Hähnchenfleisch zum Verkaufen hat.

Der Verein der Freunde von Ifakara unterstützt Menschen auch durch Tierspenden. Moses Subert, der hier für den Verein arbeitet, besucht diese LandwirtInnen regelmäßig und unterstützt sie bei Fragen und Problemen.

Als wir ihr wenige Tage später zwei Hennen und einen Hahn für ihre weitere „Zucht“ vorbei bringen, zeigt uns das Strahlen in ihrem Gesicht und das Leuchten in ihren Augen, wie erleichtert sie ist.

Da sie sich einen sicheren Stall nicht leisten kann, werden auch die weiteren Hühner nachts bei ihr in der Hütte verbringen, aus Angst vor Diebstahl oder den Verlust durch andere Tiere.

Das ist ihr nächstes Ziel: sich mit den Einnahmen aus ihrer Hühnerhaltung den Anbau eines kleinen Stalles an ihre Schlafhütte leisten zu können.

Zena schaut nach vorne und erarbeitet sich ihre bescheidenen Ziele – langsam aber beständig.

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Zena und Moses

 

Die Schule wächst

Wieder besuchen wir die Primary School in Katindiuka. Das BRG/BORG Landeck hatte die Schule bereits vor einige Jahren beim Bau eines Klassenzimmers tatkräftig unterstützt (https://freundevonifakara.com/2014/08/08/und-was-wurde-aus). Der Klassenraum wird gut genützt, auch wenn hier eine relativ kleine Klasse mit nur 61 SchülerInnen unterrichtet wird. Es ist eine 1. Klasse und gerade lernen die Kinder im Mathematik-Unterricht was ein Viertel ist.

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Der Plan war durch den Bau einer zusätzlichen Klasse die Zahl der SchülerInnen pro Klasse zu reduzieren. Damals waren es 525 SchülerInnen und rund 120 Kindergartenkinder die an der Schule unterrichtet wurden. Eine Primary School umfasst 7 Jahrgänge, kombiniert also sozusagen Volks-/Grundschule und Hauptschule.

Doch Ifakara wächst stetig und so auch Katindiuka. Inzwischen sind es 716 SchülerInnen, die hier unterrichtet werden, zusätzlich 147 Kindergarten Kinder (in einer Gruppe).  Die größte Klasse der Schule zeigt uns der Direktor auch – 136 SchülerInnen sitzen hier, 4 pro Bank. Für uns unvorstellbar.

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Weitere Klassenräume sind im Moment nicht geplant – es fehlt an Geld. Die Dorfgemeinschaft hat Ziegel zur Verfügung gestellt, aber schon für den Transport hierher, geschweige denn für weitere Bauarbeiten fehlt die Finanzierung. Es ist eine staatliche Schule – hilft denn die Regierung nicht? Doch, sagt der Direktor, aber erst, wenn eine Gemeinschaft ihren Eigenanteil geleistet hat, also mindestens die Hälfte des Baus fertig gestellt ist. Dann könne man um Unterstützung ansuchen.

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Er macht sich Sorgen – Sorgen um die Zukunft der Kinder hier. „Die Klassen werden immer größer …immer mehr SchülerInnen werden angemeldet. Wie soll das weitergehen?“

Für die Hilfe bisher ist er sehr dankbar. „Vielen Dank, wirklich, vielen Dank. Wir sind so froh um den zusätzlichen Klassenraum!“

Sein Büro ist spärlich eingerichtet, einen Computer oder Ähnliches gibt es nicht an der Schule. Alle Unterlagen sind hier handgeschrieben.

Was die größten Sorgen sind? „Klassenräume und Toiletten“, sagt er sofort – es gibt nämlich auch nur 9 Toiletten für alle (inklusive des Kindergartens), also für 863 Kinder.

Was bleibt …

 

Dieser Sonntag bringt uns zum Nachdenken. Bei all unseren Projekten denken wir darüber nach, was die langfristige Perspektive ist – sprich: Was bleibt? Heute hat diese Frage aber noch eine andere Bedeutung.

Wir denken an eine junge Frau, die uns noch vor 4 Jahren hierher begleitet hat. Petra, von der wir uns in diesem Jahr überraschend und viel zu früh verabschieden mussten. Plötzlich aus dem Leben gerissen.

Und auch hier ist die Frage: Was bleibt?

Viele die an sie denken, viele, die um sie trauern. Auch hier in Ifakara werden wir immer wieder nach denen gefragt, die uns in den letzten Jahren begleitet haben – auch nach Petra. Und überall sehen wir in überraschte und schockierte Gesichter, wenn wir erzählen, dass die junge Lehrerin aus Österreich in diesem Jahr verstorben ist.

Die Tierspenden, die sie vor ihrer Reise hierher mit ihrer Klasse am Akademischen Gymnasium Salzburg gesammelt hat (https://freundevonifakara.com/2014/08/03/ziegen-kuhe-usw/), haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie ernähren Familien und schaffen Einkommen.

Aber auch dieses Jahr können wir durch Petra, durch ihre Familie, ihre KollegInnen, SchülerInnen und FreundInnen wieder Menschen unterstützen. In diesem Jahr haben sich LehrerInnen und SchülerInnen des Akademischen Gymnasiums Salzburg im Andenken an unsere liebe Petra sowohl am Junior-Marathon in Salzburg (https://www.akadgym.salzburg.at/2018/05/08/das-akadgym-beim-salzburg-juiormarathon) beteiligt, als auch an einem Laufprojekt an der Schule (https://www.akadgym.salzburg.at/2018/05/28/schuelerinnen-des-akademischen-gymnasiums-erlaufen-e-8000) , bei dem unglaubliche Summen erlaufen wurden, die unsere Projekte hier unterstützen.

Und auch ihre Familie hat bei der Beerdigung an Stelle von Kranzspenden zu Spenden für die Projekte in Ifakara aufgerufen. Auch mit diesem Geld können wir in diesem Jahr wieder vielen Menschen helfen und ihr Leben hoffentlich nachhaltig positiv beeinflussen.

Eines der unterstützen Projekte ist unser Stipendien-Programm. Durch diese (und natürlich auch die anderen Bildungs-PatInnen) können wir auch dieses Jahr neue BewerberInnen für ein Stipendium besuchen – so auch die 15jährige Avelina.

 

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Die Familie der Schülerin ist überrascht als wir eintreffen – zwar hatten sie sich um Unterstützung beworben, dass es aber tatsächlich eine Chance für Unterstützung gibt, das klingt für sie fast zu gut um wahr zu sein.  Nach Abschluss der 7jährigen Grundschule musste Avelina 1 Jahr Zuhause bleiben, denn Geld für den weiteren Schulbesuch war nicht da. Für das erste Semester im Jahr 2018 hat die Familie durch 1 Jahr sparen das Geld zusammen kratzen können – morgen beginnt das neue Semester und bisher war unklar, ob das Geld reichen wird. Die Familie ist zwar nicht sehr groß, aber es gibt große Ausgaben, die bewältigt werden müssen. Denn der Vater des Mädchens, der bisher der Hauptverdiener war, ist krank. Es ist eine Augenerkrankung und er muss zu Untersuchungen regelmäßig nach Dar es Salaam fahren. Diese Fahrten und die Medikamente verursachen Kosten und da er kaum mehr arbeiten kann, muss die Mutter mit ihren Kindern und der Großmutter die kleine Landwirtschaft alleine weiterführen. Ob Avelina denn dann nicht zuhause gebraucht wird, fragen wir. Die Mutter antwortet klar: Sie soll es besser haben, sie soll zur Schule gehen, bitte.

Wir möchten die junge Frau etwas kennen lernen und fragen nach Hobbies. Sie blickt uns verwundert an – nach der Schule helfe sie im Haushalt, koche oder arbeite auf dem Feld. Hobbies, sowas habe sie nicht. Auch der Rest der Familie kann mit dieser Frage nicht viel anfangen.

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Und so wird Avelina morgen wieder in die Schule gehen. Im Wissen, dass sie eine Chance bekommen hat. Sie wird lernen verspricht sie uns, aufholen, was durch ein Jahr Zuhause verloren gegangen ist und die ganze Familie freut sich mit dem Mädchen.

Was bleibt … liebe Petra, von dir bleiben viele Spuren, viele berührte Herzen und viele Gesichter hier in Ifakara, die durch dich lachen können. Danke.

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